Statement

im Oktober 2018
 

Geprägt haben mich unter anderem, meine Kinder- und Jugendjahre in einer Kleinstadt in der Schweiz in den 1950er bis 1970er Jahren, Lehrjahre und die Zusammenarbeit mit Choreografinnen und Musikern und Musikerinnen in New York von 1983—1990, das Studium der bildende Kunst und in Cultural / Genderstudies an der ZHdK von 1999—2006, auch das Unterwegssein seit 30 Jahren in performativen Angelegenheiten mit Performances, Ausstellungen, Interventionen und Kollaborationen in öffentlichen Räumen, auf Musik- oder Kunstbühnen in Europa, Nord- und Südamerika und Asien, die Begegnungen mit Menschen und Orten durch die Situation der Performance und im Erleben und in der Auseinandersetzung mit performativen Praktiken in verschiedenen kulturellen Zusammenhängen. Das Unterrichten und Vermitteln von Tanz, Performance und somatischer Bewegungspraktik in unterschiedlichen Institutionen, an Tanz- und Kunstfestivals und in eigener Praxis seit den 90er Jahren, überschneiden sich mit Interessen und Themengebieten in der Ausrichtung meiner künstlerischen Praxis.

Motor meiner künstlerischen Arbeit sind mein Hintergrund in postmodernem Tanz, die Auseinandersetzung mit dem Körper in Bewegung, das Risiko und Spiel mit der Schwerkraft, der latente Verlust der Kontrolle, als auch die Beziehung zu Raum und Kontext in ihren verschiedenen Bedeutungsebenen. Was wir Körper nennen, ist der (kleinste) gemeinsame Nenner, den Menschen mit anderen Lebewesen, Organismen und Dingen teilen. Das Prekäre ist, dass er verletzlich ist, uns abhanden kommen kann und sich ständig transformiert, uns womöglich erleben lässt, dass wir ihn evtl. gar nie besessen haben, er immer ein geteilter Körper ist, der sich mit Medien und anderen Lebewesen und Organismen verbinden kann. Ich verstehe Körper verflochten in Raum und Kontexte, er kann nicht ohne sie gedacht werden.

Künstlerische Arbeit ist auch kulturelle Arbeit: Meine künstlerische Praxis greift in andere kulturelle Felder, ist translokal ausgerichtet. Ich bin im Austausch mit Künstler*innen in Indien, UK (Shetland, England), Kanada … und Mit-Initiantin von Plattformen und Netzwerken für performative Praktiken. 

Performances wie ich sie verstehe, sind performative Interventionen in Räumen, deren Geschichte(n) und Kontexte den (künstlerischen) Prozess einerseits affizieren aber auch eine Dringlichkeit provozieren, die erst in der performativen Situation erlebbar wird. Aus einer queer-feministischen Perspektive und Wahrnehmung heisst das, beziehungsorientiert und nicht in Oppositionen zu denken. Praxis und Theorie, Kunst und Kultur, als auch aktivistische Ansätze können einander anstacheln, stimulieren, als auch ineinandergreifen.
Performance könnte auch als Wissensgenerierung funktionieren, deren Fakten, Texte, Materialien in der performativen Situation in der Begegnung mit Anderen (Zuschauer*innen, Besucher*innen, Zeug*innen, Mitakteur*innen und mehr) wieder zur Disposition gestellt und neu verhandelt werden. In Verbindung mit Bewegung wird der somatische, auch sozial-kulturelle und politisch-ästhetische Aspekt von Sprache und Raum auf die Probe gestellt.

Schreiben scheint mir eine ebenso gleichwertige Tätigkeit wie Performance. So gesehen handelt sie nicht vom Schreiben über Performance und Tanz, sondern eher vom Schreiben zu und in Performance und Tanz hinein. Performance, als Situation im künstlerischen Feld kann so womöglich Anlass für Reflexion und (Neu-)Kontextualisierung zum künstlerischen Feld als auch zu Alltagspolitik sein.