eyjafjallajökull - exercise no. 9

Foto-Video-Performance-Arbeit

 

Ausgangslage

Nicht nur Island, die Insel ist umgeben von einem grossen Meer, ist Wind und Wetter und vulkanischen Tätigkeiten ausgesetzt. Auch Menschen, Tiere und Pflanzen sind es. Die Landschaft verändert sich beharrlich und nachhaltig, sie ist in einem konstanten Transformierungsprozess. Die Insel ist geologisch gesehen jung. Unterwegs in den unterschiedlichsten Geländen, erschleicht einen unablässig das Gefühl, dass es unter den Füssen, im Untergrund, in den Gesteinsschichten brodelt, die Erde gerade erst entsteht. Island’s Krustenlandschaft evoziert den Eindruck von unberührter Natur. Gleichzeitig ist die Insel in den letzten Jahren zur Touristen-Attraktion geworden.
Diese Gegebenheiten und Widersprüche der Insel haben mich bewogen, mich auf ihren Terrains an ihre ‚Haut’, an ihre Oberflächen heranzutasten: Ich bewege mich an zufällig ausgewählten Orten, die teilweise Tourist*innen-Magnete sind. Ich bin unbekannt hier, ich kenne mich nicht aus, und ich bin selber Touristin. Intuitiv und instinktiv durchstreife ich Gegenden, tauche in die Topologien verlassener Örtlickeiten und imposanter Flecken, die Natur-Schauplätze sind. Wir fotografieren dort und dann, wenn andere Menschen abwesend sind.

Bewegung/Choreografie

Die Körperhaltungen und Bewegungen entstehen aus einem peripheren, zufälligen und doch extrem aufmerksamen Habitus heraus. Ich vertraue auf unbewusste, nicht kognitive Ebenen. (In-) direkt reagiere ich auf Lichteinfall, Geräusche und Unebenheiten im Terrain. Je nach Lage und Ort stellen sich wie beim Tier instinktiv-animalische Zustände ein, die wiederum die Bewegungsarten bestimmen: einem Vokabular von Flüchten, Wittern, Heranschleichen, Spielen, sich bedeckt Halten, ja Jagen, Wogen, Schwanken und Pendeln. Meine Kleidung ist Camouflage-Montur: eine hellbraune Hose und dunkelbraune Regenjacke, die Kapuze über den Kopf gezogen, darunter eine blau-graue Fliesjacke und Mütze. Weder eine bestimmte Person noch ein bestimmtes Geschlecht sollen erkannt werden. Die wechselnden Landschaften und Gelände sind die Protagonisten, wahrgenommen durch ein Einzelwesen, das Vektor und Richtwinkel in der Weite und Anonymität der Landschaft ist.  

Fotos und Filmprojekt

Wir haben das Medium der Fotografie mit dem i-Phone gewählt: Arnold Häni, macht von jeder meiner Bewegungserkundungen jeweils viele Fotos. Da er nie im voraus weiss, in welchem Modus ich mich bewegen werde, ob eher kontemplativ oder unberechenbar kurios holpernd, muss er direkt reagieren und manchmal nacheinander schnell abdrücken. Somit hat er nur bedingt Kontrolle über die Bilder. Wir machen ab, dass er Weite, Abstand und Winkel in eigener Regie wählt und mich nie von vorne und nicht in direkter Fluchtlinie, dass er immer in einem Winkel zu mir steht und fotografiert.

Hernach bringe ich die Fotos in eine Reihenfolge und führe sie so filmisch zusammen. Ich zeige die manuell getakteten Bilder Unnur s. Mjöll Leifsdóttir, Mitarbeiterin im Hafnarfjördur Museum. Ich bitte sie, mir im Hinterher, zuerst auf Isländisch und dann auf Englisch, zu erzählen, was die Bilder bei ihr hervorrufen, welche Erinnerungen an Orte und Räume sie auslösen. Beide Kommentare registriere ich mit einem Audiogerät.

Später füge ich die ‚getakteten Fotos’ in ein Video-Schnittprogramm. Ich übernehme sie mehr oder weniger in der Reihenfolge der gemachten Schnappschüsse. Weil ‚der Film’ immer noch aus einzelnen Fotos besteht, stocken die Bilder. Die scharfen und sprunghaften Übergänge ‚im Film’ verleihen den Bewegungen eine Künstlichkeit, die wiederum auf die mediale Aufbereitung und unsere lückenhaften und oberflächlich performative Wahrnehmung zurückverweisen mögen.  
Die Stimme von Unnur, die Artikulation ihres isländischen und englischen Kommentars, der Klang einzelner Worte und Sätze, werden mit Maschinengeräuschen, die in einem geothermischen Kraftwerk aufgenommen wurden, sorgfältig zu einer polyphon-komponierten Soundspur verflochten.