Concert Performance 1


In den Tagen vor der Performance arbeite ich mit dem Musiker Malcolm Goldstein im Theaterraum Rigiblick. Quellen unserer Erkundungen sind einerseits der Bühnenraum mit schwarzen Vorhängen und Zuschauertribüne, andererseits der Austausch über den jeweils aktuellen Fokus unserer je eigenen Arbeit. Zudem gründet unsere Haltung in Tanz, Musik und Performance im gemeinsamen Interesse und Hintergrund im postmodernen Tanz. Die Performances und «Dance Concerts» des Judson Dance Theater im New York der 60er Jahren, die Malcolm teilweise als aktives Mitglied miterlebt hat, haben als Zeitphänomen auch heute nichts von ihrer Faszination verloren – ihre Affinität zu aktuellen Performance-Arbeiten kann immer wieder neu gelesen werden. Daraus ergibt sich die Struktur und das Szenario, den Performanceraum mittels eines Astes, Sprache und beschriebenen Papierseiten mit anderen imaginierten Räumen zu verbinden.

Zu Beginn betrete ich den Bühnenraum von der Seite, während ich einen Ast balanciere; sehr leise setzt der Musiker mit sprachlichen Lauten und Violintönen ein. Der Ast bringt mich aus dem Gleichgewicht und in unstete Bewegungen, weil ich ihn versuche im Gleichgewicht zu halten. So lasse ich mich durch den Ast zufällig durch den Raum navigieren und lande schon mal sehr nahe beim Publikumm, über dessen Köpfe ich den Ast gerade noch auffangen kann. Dieses Spiel mit dem Gleichgewicht setzt sich ohne Ast, nur mit Körperbewegungen fort und wird in der Improvisation zum herausfordernden Zwischen-die-Schritte-Fallen und Sich-wieder-Auffangen. Es schaukelt sich weiter hoch, bis ich sozusagen versuche, meine eigenen Bewegungen zu überwinden. Bewegung wird so Geste und Handlung.

Malcolm Goldstein hat über Jahre hinweg seine eigene Kompositionssprache und Improvisationskunst entwickelt. Der Ansatz ist sowohl konzeptuell als auch körperlich. Nuancenreich jongliert er zwischen unmittelbarer, sprachlich-lautlicher und gestischer Klangkomposition. Der körperlich-räumliche Ansatz seines Violinspiels – er bewegt sich auf der Bühne, die Gewichtsverschiebungen des Violinbogens beeinflussen bewusst die Klangerzeugung – haben immer wieder zur Zusammenarbeit mit Tänzern und Tänzerinnen geführt. Er hört nicht nur auf den Klang, er beobachtet auch die Bewegungen und Aktionen im Raum. Auch in dieser Zusammenarbeit für «Concert Performance 1» legen sich Akustisches und Gestisches der Bewegung und Musik-Sound-Spuren nebeneinander und greifen ineinander, ohne ihre eigene Kontur zu verlieren. Sie schaffen so etwas wie die Textur einer imaginären Landschaft. Diese erweitern wir mit einer fiktiven, temporären Landkarte, die wir mit auf weisse A4-Blätter geschriebenen Wörtern umreissen. Auf meiner linken Hand sind die Blätter gestapelt; mit der rechten nehme ich Blatt um Blatt, halte jedes hoch. Impulse aus meiner Körperachse elastische und die Körperachse verschiebende Bewegungen. Sie dirigieren indirekt die Blätter, die alsdann auf den Boden fallen. Die Wörter auf jedem Blatt ergeben den Satz: Ich ... wir ... gehen ... rennen ... schwimmen ... über ... die ... Alpen ... durch ... Italien ... via ... Sizilien ... Lampedusa ... nach ... Nordafrika ... und ... durch ... die ... Wüste ... in ... das ... Herz ... von ... Afrika ... Malcolm unterlegt diese Gesten mit einem repetitiven Klangmuster.

Ganz am Schluss spiesse ich die Blätter auf die spitzen Verzweigungen des Astes, halte ihn in die Höhe und schüttle ihn geräuschvoll wie in einer Geisterbeschwörung über den Köpfen der Zuschauer*innen - die Blätter rieseln auf sie herunter.